Anfang Bilder vom Menschsein von Gisela Schlicht aus Berlin
Gisela Schlicht -
Malerei zwischen Leidenschaft und Präzision
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von Peter Funken
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Das Werk der Malerin Gisela Schlicht ist komplex und facettenreich. Es umfasst zahlreiche Werkgruppen, gedankliche und methodische Ansätze und zeigt dabei eine unverwechselbare individuelle Lebendigkeit und Ausdruckskraft - jenseits von Moden und Trends. Typisch für Schlichts Kunst ist das Zupackende, Spontane und Einfühlende, die authentische Handschrift und ein sicheres Gefühl für Farben und Formen.
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Seit ihren künstlerischen Anfängen zu Beginn der achtziger Jahre hat die Künstlerin immer wieder neue Wege beschritten, hat ihr Repertoire beständig erweitert und entwickelt. Begonnen hat Gisela Schlicht mit einer abstrakt-informellen Bildnerei, deren Ziel sich jedoch nicht in reiner Gestik und Farbnuancierung genügte. Anfang der neunziger Jahre hat die Künstlerin die gestisch-informelle Intensität ihrer Arbeiten konkretisiert, indem sie sich Themen zugewandt hat, die ihre Vorstellungen von Natur und Menschsein fokussieren. Es entstand eine Malerei der Formen und Zeichen, wobei der Prozess der Bildherstellung wie auch die Darstellung des Strukturellen, Morphologischen, Dynamischen oder Statischen eines Vorgangs stärker ins Zentrum ihrer Tätigkeit rückte als die exakte Beschreibung von Natur oder Menschen, also das Definitorische der Welt.
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Zwei Seiten, die sich in ihrer Arbeitsweise verbinden, bestimmen ihr Werk: Da ist zum einen ihre emotionale, sinnlich und mutwillig agierende Seite und andererseits ein starkes Interesse an philosophischen Fragen. Das sind Leinwandarbeiten, die in langwieriger Arbeit entstehen, die ein genau vorbestimmtes, malerisches Kompositionsgefüge besitzen und die in maximaler Präzision ausgeführt werden. In solchen Arbeiten finden sich immer wieder Kugeln, Kreisformen, Kreuze und Kreuzungen. Sie sind die Elemente, Zentren und Erscheinungen einer Malerei, die sich im besten Sinne philosophierend - also nach dem Sinn fragend - versteht. Eine, manchmal sind es auch mehrere Kugeln, schweben wie Planeten in der Unendlichkeit des (Bild-)Raumes. In solchen Arbeiten vermischt Gisela Schlicht die Konkretheit ihrer Malerei mit einem überzeugenden Illusionismus. Kugel und Kreuz sind als Idealsymbole zu begreifen, sie stehen für Leben und Tod, Endlichkeit und Unendlichkeit, Geist und Materie, dionysisches und apollinisches Prinzip.
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Einen grossen Teil ihrer Arbeit begreift man über den Dualismus ihrer Arbeitsform, denn die Künstlerin befasst sich in zahlreichen Werkkomplexen mit durchaus unterschiedlichen Fragestellungen: Vor gelbem Hintergrund zeigt sie in der Serie der "Mutanten und Frohnaturen" skurrile Wesen, schnell aufs Blatt platzierte Charaktere, die zwischen anamorphotischem und roboterhaftem Dasein zu changieren scheinen. Da sind aber auch "Mikroorganismen", die in spontaner Geste ins Bild gesetzt wurden - allemal Wesen, die aus Farbflächen, Linien und Tropfen entstanden und deren Leben sich allein der Spontaneität und Experimentierfreude der Künstlerin verdankt.
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Ein typisches Merkmal ihrer Malerei ist die Verwendung von Text und Schrift im Bild. Gerne zitiert Schlicht Dichter und Denker, schreibt unter und in die Bilder Sätze, bevorzugt Aphorismen von Marie von Ebner-Eschenbach, aber auch Zitate von Kant, Kafka oder Erich Fried. Die kurzen Texte geben der Malerei eine zusätzliche Dimension, benennen eine Richtung zum Bildverständnis, ohne die Interpretation vollends festzulegen.
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Die Malerei Gisela Schlichts ist offen und beweglich, vermag aber mit den Mitteln von Farbe und Form sehr konkret und pointiert auf gegenwärtige Themen und Probleme einzugehen; etwa wenn sie die zusammengestürzten New Yorker Twin-Towers allein mit Grundrisslinien inmitten eines blutroten Explosionsfeldes abbildet, oder wenn sie in ihrer grossen Kreuzcollage "Nachrichten des Tages" Bedrohung, Schock und existenzielle Not darstellt.
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Gisela Schlicht arbeitet ausschliesslich mit Acrylfarben, die sie entweder im Sinne der Tafelmalerei deckend und pastos einsetzt, aber auch dünnflüssig, also ähnlich wie beim Aquarellieren. Leinwände und Papiere legt Gisela Schlicht zum Arbeiten auf den Boden, denn so kann sie besser aus der Bewegung heraus schaffen. In der Malerei und ihren vielen Möglichkeiten hat Gisela Schlicht ein Medium gefunden, das es ihr erlaubt, universalistisch zu arbeiten - also sowohl den Geist wie auch den Körper zu nutzen.
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©  Peter Funken  Berlin  2002
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