Anfang leer
Aktuelles
leer
"RHYTHMISCH -- POETISCH"
Zellermayer Galerie Berlin

11. September - 23. Oktober 2010
leer
Einladung Zellermayer
leer
Einladung Zellermayer
leer

leer
Abend der offenen Tür 2009 im Studio 601
im Corbusier-Haus am Olympiastadion:
"Es wächst zusammen, was nicht zusammengehört"
Malerei und Collage
leer
leer
leer
v.l.n.r.: "Es wächst zusammen, was nicht zusammengehört", Nr. 2/Nr. 1 (2009),
Ohne Titel (1989),
Collagen, 100 x 70 cm
leer
leer
links: "Es wächst zusammen, was nicht zusammengehört", Nr. 3/Nr. 4 (2009),
Collagen, 65 x 48 cm
stehend: "Schneeweißchen und Rosenrot" (1991), Tusche/Karton, 70 x 100 cm
leer
leer
links: "Entstandene Ähnlichkeiten sind rein zufällig", s-w/rot (2007), Acryl/Karton, 65 x 48 cm
leer
leer
links: "Paradise perdu" (2009), Acryl/Leinwand, 150 x 150 cm
leer
leer
"Es wächst zusammen, was nicht zusammengehört", Nr. 9/10/11/12 (2009), Collagen, 60 x 40 cm
leer
leer
links: "Black and Blue" (1990), Acryl/Karton, 100 x 70 cm
rechts: "Wo, bitte, geht's zum Mars" (2007), Acryl/Jacksonkreide/Karton, 100 x 70 cm
leer

leer
"Nachrichten des Tages"
leer
Einladung Fluxus+
leer
Einladung Fluxus+
leer

Dr. Sabine Hannesen

Rede zur Ausstellungseröffnung von Gisela Schlicht
"NACHRICHTEN DES TAGES"
-- Collagen und Malerei --

im Atrium im museum FLUXUS+ in Potsdam

7.August -- 28. September 2008

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Frau Schlicht,

auch ich begrüße Sie ganz herzlich zu der heutigen Ausstellungs-Eröffnung hier in der Schifferbauergasse und freue mich sehr, dass Sie gekommen sind.

Die Künstlerin nennt ihre Ausstellung "Nachrichten des Tages". Bei diesem Titel denken vielleicht auch Sie an die abendlichen Nachrichtensendungen der "Tagesschau" oder des "heute-journals" im Fernsehen oder im Internet, oder an die Meldungen in den Zeitungen? Im Zusammenhang mit Berichterstattungen aus Kriegsgebieten wird auch immer wieder von der Gefahr der Abstumpfung gesprochen. Durch die tägliche Überflutung mit Schreckensmeldungen aus aller Welt wird der Betrachter und Leser in einem so hohen Maß mit Katastrophen konfrontiert, dass er als Selbstschutz versucht, diese Geschehnisse nur bedingt an sich heran kommen zu lassen.

Kaum werden einem Bilder aus aktuellen Krisengebieten präsentiert, wechseln die Aufnahmen in Sekundenschnelle zu anderen Grausamkeiten. Nach der regelmäßigen 'Bombardierung' mit Gewalt-Bildern, bleibt für viele Menschen ein Gefühl der eigenen Ohnmacht zurück. Bei vielen entsteht der deprimierende Eindruck, gegen all das Leid dieser Welt doch nichts ausrichten zu können. Die drastischen Aufnahmen von Menschen in Not und Angst übersteigen -- gerade auch in ihrer Häufung und Blitzlicht artigen Präsentation -- die Fähigkeit zu aufrichtigem Mitgefühl. Man kann nicht jeden Abend die dramatischen Schicksale Tausender mitempfinden und vielleicht noch nebenbei zu Abend essen.

Gisela Schlicht will sich von ihren Ohnmachtsgefühlen nicht lahm legen lassen. Sie selbst bezeichnet sich nicht als politische Künstlerin. Nach ihrer Einstellung zum Leben befragt, nennt sie sich eine "optimistische Humanistin", die an die ausgleichenden Kräfte der Natur glaubt und an den Zufall, den es in ihrer Vorstellung nicht gibt; ganz im Sinne Buddhas, der sagte: 'Das Leben stellt die Fragen an uns'.

Ihre große, 20-teilige Collage trägt den Ausstellungs-Titel: "Nachrichten des Tages".
Die einzelnen Collage-Rechtecke setzen sich ihrerseits wieder aus unzähligen Pressefotos zusammen, die die Künstlerin aus dem Kontext verschiedener STERN-Berichte herausgerissen oder ausgeschnitten hat. Bei dieser Installation -- die eine Dokumentation der Barbarei am Ende des 20.Jahrhunderts darstellt -- überwiegen die schwarz-weiß Abbildungen. Nur selten leuchtet ein Rot oder Blau auf. Auf einem kleinen Text-Fetzen kann man lesen: "Wir müssen uns erinnern, sonst wird sich alles wiederholen".

Die Technik des Herausreißens findet -- im wahrsten Sinne des Wortes -- bei dieser Collage ihre inhaltliche Entsprechung, in den nur 'angerissenen' Darstellungen zahlloser Einzelschicksale, die uns im Minutentakt in Presse und Fernsehen entgegen geschleudert werden. Der Akt des Zerreißen impliziert bereits etwas Trennendes und Zerstörerisches. Wird ein heiles Ganzes zerrissen, so wird das meistens als schmerzlich erlebt, denn die Harmonie von etwas Vollkommenen zerbricht damit. Dadurch verwandelt sich Ordnung in Chaos und das Chaotische verbreitet Desorientierung und Angst. Auch die vielen kleinen Collageteile wirken auf den Betrachter verwirrend und bedrückend und sind auch ein äußeres Zeichen für Verletzung und Fragmentierung.

Wenn Sie näher an die Arbeit herantreten, können Sie einzelne Geschehnis-Fetzen erkennen und Teile technischer Kriegsmaschinerie ausfindig machen. Die Künstlerin hat -- neben Fotos aus unserer Gegenwart und jüngsten Vergangenheit -- auch Abbildungen mittelalterlicher Folterszenen und Bilder historischer Kriegsschauplätze in dieses globale und zeitlose Tragödien-Puzzle integriert. Immer wieder neu stehen wir fassungslos vor der Tatsache, welche Auswirkungen der Aggressionstrieb des Menschen -- auch 2000 Jahre nach Christi Geburt -- hat. Nur die Folter- und Vernichtungs-Methoden haben sich geändert, nicht aber die Gewaltbereitschaft.

Gegen diese niederschmetternde Erkenntnis und das Chaos hat die Künstlerin ihre Dokumentation in die Form eines Kreuzes gebannt. Es ist kein normales Passionskreuz. Gemeint ist hingegen das Zeichen eines Kreuzes als allgemein verständliches Symbol für menschliches Leid und Tod. Die Künstlerin verbindet damit zugleich die Hoffnung auf eine humanere Zukunft.

Doch die Bilder dieser Ausstellung schenken uns keinen Frieden. Gisela Schlicht versucht in ihrem persönlichen Umgang mit anderen Menschen und durch ihre Kreativität der Destruktion -- wenn schon nicht wirklich Einhalt zu gebieten -- so doch zumindest für ihre eigene Lebenssicht die Gewalt in Form künstlerischer Bearbeitung zu kompensieren, die auch für einen fremden Betrachter nachvollziehbar ist.

Ein Beispiel malerischer Umsetzung sehen Sie in dem Bild "Bouncing Betty".
Diese 'possierliche' Bezeichnung verliert sofort ihre kindliche Unbefangenheit, wenn man sich mit militärischen Termini beschäftigt. Denn dieses vermeintlich lustig-bunte Ding ist in Wahrheit eine "Anti-Personen-Springmine" mit einer Sprengkraft von 4,5 Kilogramm und einem Todes-Durchmesser von 27 Metern! Der Menschen verachtende Zynismus dieser Bezeichnung für ein Vernichtungswerkzeug war Auslöser für diese explosive Arbeit, deren Figurenumriss noch vage an eine leidende Kreatur erinnert, die von einer Mine zerrissen wird -- zurück bleibt nur noch ein Häufchen schwarze Asche.

Eine andere Art von Sprengkraft besitzt das Gemälde mit dem tiefsinnigen Titel nach einem Ausspruch von Marie von Ebner-Eschenbach: "Ein Gedanke kann nicht erwachen, ohne andere zu wecken".
Der Zündstoff dieses Bildes liegt im Geistigen, d.h. in den Gedankenanstößen, die zu Taten werden und die Welt verändern können. Tatsächlich bedeutet jeder in die Tat umgesetzte Gedanke eine Vielzahl an Folgen und Entscheidungen auch für die anderen Mitmenschen, da wir miteinander in einem sozialen System leben. Der Mensch ist also dazu 'verurteilt' immer wieder Entscheidungen zu fällen. Selbst wenn er sich zurückzieht oder meint sich verweigern zu können, ist auch diese Entscheidung eine Re-Aktion. Es handelt sich also um eine sich unendlich multiplizierende Kettenreaktion: Ein Gedanke setzt sofort mehrere andere Assoziationen frei und führt -- über kurz oder lang -- zu einer Handlung, die wiederum neue Gedanken und Taten auslöst und bei den betroffenen Menschen jeweils weitere Kreise zieht.

Gisela Schlicht fasst diese komplexen Verbindungen in drei 'schlichten' Worten zusammen: "Handeln hinterlässt Spuren!"

Bildnerisch erkennen wir einen 'Kern-Gedanken' im Zentrum. Dieser Gedankenkern kann vom Betrachter als von innen nach außen wahrgenommen werden, indem er die ihn umgebende Materie durch seine ihm innewohnende Kraft durchbricht und nach außen vordringt. Oder umgekehrt als von außen nach innen, indem dieser Kernpunkt ins Zentrum einschlägt und zum 'zündenden Gedanken' des gesamten Kreises wird, der seinerseits mit roten Feuer-Strahlen die erhaltene Energie ins Universum abgibt.

Gisela Schlicht kommt von der informellen Malerei. Ihrer Kunst-Ausbildung absolvierte sie an der Hochschule der Künste in Berlin. Parallel zu ihren figurativen Darstellungen arbeitet sie nach wie vor an ungegenständlichen Werken und mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen. Das Bild "Ein Gedanke kann nicht erwachen (...)" ist ein gutes Beispiel für die Stilvielfalt, die in ihrem Oeuvre schöpferisch in einander greift. Das malerisch Sinnliche und ihr prinzipielles Interesse an philosophischen Fragen befruchten sich in den verschiedenen Werkgruppen immer wieder gegenseitig.

Der Künstler Emil Wachter hat einmal gesagt: "Malen ist Nachdenken in Farbe".

Die Hingabe zum Malerischen erkennt man auch in dem Gemälde "Secret Mission" von 2003.
Wäre da nicht das schnittige, kleine, flache Flugzeug oben rechts, würde man von einer reinen Farb-Malerei sprechen, die durch die Abstufungen ihrer glühenden Rottöne besticht. Es ist schon erstaunlich, dass seit dem "11.September 2001" das winzige piktographische Kürzel eines Flugzeugs ausreicht, um beim Betrachter sofort die Assoziation an das Szenario des Terroranschlages in Amerika auszulösen! Auch wenn es auf diesem Bild keine Bürotürme gibt, vermittelt dieses Flugzeug an diesem feuerroten Himmel etwas Bedrohliches: Man hat den Eindruck 'Big Brother is watching you all over the world!'

Auf der Einladungskarte wird die Frage aufgeworfen: "Was ist Fortschritt?"
Ich denke, jeder von uns ist immer wieder dazu aufgerufen für sich diese Frage zu beantworten und mit Leben zu füllen und in seinen täglichen großen und kleinen Entscheidungen mit einzubeziehen. Wir können sehr vieles in diesem hochtechnisierten Jahrhundert, aber sicher bedeutet dieser hemmungslose Forschungs-Weg nicht automatisch einen moralisch-ethischen Fortschritt für die Menschheit. Oft holt uns dieser blinde Fortschritts-Glauben mit seinen ökologischen Folgen wie ein Bummerrang ein und zeigt uns in den einbrechenden Natur-Katastrophen die Grenzen unserer Allmachtsgelüste -- siehe die aktuelle Babylon-Ausstellung im Pergamon-Museum in Berlin mit der Geschichte vom Turmbau zu Babel!

Ich möchte meine Einführungsrede nicht beenden, ohne Sie auf die Serie der kleinen Collagen hinzuweisen, die mir künstlerisch ganz besonders gut gefallen. Drei Arbeiten möchte ich kurz herausgreifen: "Die Komplizenschaft", "Die Leidenschaft" und "Der Muttertag".
Diese Werke entstanden in Mischtechnik, d.h. die Künstlerin verbindet Collage-Elemente mit ihrer weitschwingenden Acryl-Malerei. Die Art des Bildaufbaus und die dramatischen Kompositionen erinnern an Bühnen-Bilder. Dieser Eindruck kommt nicht von ungefähr. Gisela Schlicht war zeitweise Mitarbeiterin im Malersaal der Berliner Schaubühne und an der Ausführung von Bühnenbildern beteiligt.

Dementsprechend theatralisch ist z.B. die Arbeit "Die Komplizenschaft": Ein zornig dreinblickender König weist mit erhobenem Arm auf das abgeschlagene Haupt des Johannes, das -- wie in einem Aufschrei zum Himmel -- von blutroten Farbbahnen hinterfangen wird! Links und rechts am 'Bühnen'-Rand stehen staunend ein paar Leute und reißen entsetzt ihre Münder auf.

Die mexikanische Künstlerin Frieda Kahlo gilt als Personifikation der Leidenschaft. Ihren Abbildungs-Ausschnitt im weißen Spitzenkleid hat Gisela Schlicht kontrastreich auf einer Signal roten Farbfläche platziert, die hier wie ein 'Roter Teppich' wirkt. Schwarze, ausgefranste Farbflächen hinter ihren Schultern muten wie dunkle Flügel an, während über ihrem Kopf breite Farb-Bahnen kreisen. Diese Komposition könnte man sich -- ähnlich, wie "Die Komplizenschaft" -- problemlos auf einer Opernbühne vorstellen.

In der Collage "Der Muttertag" erkennt man links eine Figur aus einem Gemälde von Matthias Grünewald. Rechts im Hintergrund befindet sich eine Figurengruppe, die einem Märchen entsprungen scheint. Die kräftige, gestische Übermalung erhält durch die 'Vergitterung' der fünf Diagonal-Linien Struktur und Tiefenwirkung.

Bei dieser Werkserie reagiert die Künstlerin bewusst auf zufällige Verlaufsformen der frei fließenden Farbbahnen und Flächen, die beim Auftrag entstehen und das Bild während des Arbeitsprozesses spielerisch mitgestalten und bei der Künstlerin immer wieder neue bildnerische Impulse auslösen.

Die betont emotional befrachteten Bildtitel wurden von Gisela Schlicht humorvoll als 'Mammut-Begriffe' für ein "Kammerspiel" in kleinen Formaten eingebaut. Neben der gewichtigen Theatralik auf kleinstem Raum, haben diese hintergründigen Bilder durchaus Witz und Charme und wunderbare malerische Kompositions-Ideen, die dem Betrachter viel persönlichen Interpretations-Spielraum lassen.

Diese bühnenhaften kleinen Arbeiten, wie auch die großformatigen Gemälde, können Sie alle erwerben!

Greifen Sie also zu, bevor es ein anderer tut, der während meiner Rede vielleicht auch schon Kauf-Gedanken entwickelt hat und in die Tat umsetzen will. Seien SIE schneller in Ihrer Entscheidung!

Ich wünsche der Ausstellung viel Erfolg und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Sabine Hannesen

leer
leer
leer
leer
leer
Zum Seitenanfang
leer